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Christopher spricht über seine Träume

Beitragvon Saruman » 17.09.2009, 00:13

Hab da eine Artikel gefunden wo Christopher über seine Träume spricht: :)
"CHRISTOPHER LEE Ich hebe vom Boden ab und gleite durch den Himmel, schwerelos. Der Traum wurzelt in einer tiefen Sehnsucht. Filme haben viel von ihrem Zauber verloren. In der heutigen Filmwelt gibt es kaum noch Platz für Magie

Es ist ungefähr drei Jahre her, da träumte ich von einer merkwürdigen Begegnung. Ich lag in einem Swimmingpool und entspannte mich im warmen Wasser, als mich ein Mann ansprach: Sie werden von der Queen einen Orden erhalten. Als ich den Mann genauer betrachtete, erkannte ich: es war Prinz Charles. Ich habe keine Ahnung, was Prinz Charles und ich in diesem Pool zu suchen hatten, und würde mich heute wohl gar nicht mehr an diesen Traum erinnern, wäre er nicht vor wenigen Wochen wahr geworden: Am 20. November ernannte mich die Queen ob meiner 45-jährigen Verdienste um Film und Drama zum Commander of the Order of the British Empire.

Wer wie ich kurz vor seinem 80. Geburtstag steht, hat in seinem Leben eine Menge Träume gehabt, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Einige haben sich erfüllt, viele sind vergessen, andere werde ich wohl mit ins Grab nehmen.

Eine Sache wollte ich mehr als alles andere auf der Welt, konnte sie aber nie verwirklichen. Es ist mein größtes Versäumnis, meine größte Frustration, kein Opernsänger geworden zu sein. Seit meiner Jugend träume ich davon. Ich liebe diese Musik, diese wunderbaren Stimmen. Und ich kann singen. Mir liegt es im Blut, in den Genen: Einige meiner Verwandten waren und sind Opernsänger, und zwar sehr gute.

Ich hatte sogar die Möglichkeit, diese Laufbahn einzuschlagen, habe sie aber nicht wahrgenommen. Nicht wahrnehmen können - weil ich es mir nicht leisten konnte. Ende der vierziger Jahre entdeckte der skandinavische Startenor Jussi Björling auf einer Party in Stockholm mein Talent

daraufhin wurde mir die Ausbildung an einer renommierten Gesangsschule in Stockholm angeboten. Aber ich hatte nicht die Mittel. Mein Stiefvater war bankrott gegangen, und ich musste Geld verdienen.

Noch heute kann ich in fünf verschiedenen Sprachen akzentfrei singen.
Sprachen habe ich schon immer beinahe genauso geliebt wie Musik. Es fällt mir leicht, fremdsprachige Texte zu lernen. Ich habe sogar eine Platte aufgenommen, auf der ich neben italienischen Arien auch Stücke von Wagner und aus der Dreigroschenoper singe. Mackie Messer zum Beispiel, ein Lied, das man ein wenig gepresst, wie ein Gangster, singen muß, damit es seine ganze Wirkung entfaltet.

Nichts in meinem Leben bedaure ich so sehr, wie das große Geschenk meines Gesangstalents nicht genutzt zu haben. Auf der anderen Seite: Wäre ich Opernsänger geworden, wer weiß, wie mein Leben verlaufen wäre? Und was würde ich jetzt tun? Mit 80 würde ich wohl nicht mehr auf der Opernbühne stehen, und Ruhestand ist eine schreckliche Vorstellung. Ich wünsche mir sehr, daß ich nie das Gefühl haben werde, meiner Arbeit nicht mehr gewachsen zu sein.

Zugegeben, den physischen Ansprüchen meines Berufes zu genügen wird mit den Jahren immer schwieriger. Im Alter wirst du einfach schneller müde, hast dann keine Energie, und ohne Energie ist keine überzeugende Darstellung möglich.

Vor ungefähr zwei Jahren hatte ich einen bösen Unfall, beinahe hätte ich zwei Finger verloren. Ich übernachtete in einem Hotel in Singapur. Es war die erste Nacht in einem fremden Raum, es war dunkel, und ich litt unter Jetlag.

Mitten in der Nacht wurde ich wach und musste ins Bad, wußte aber nicht, wo sich der Lichtschalter befand. Ich wollte meine Frau nicht wecken, also stand ich auf und tastete mich durch das Zimmer. Ich fiel, suchte Halt mit den Armen und blieb mit der Hand in einer scharfen Türkante stecken. Links wurden zwei Finger aufgerissen, Fleisch und Sehnen zerschnitten, die Knochen traten heraus.

Die Operation hat zwei Stunden gedauert, und es wächst nur langsam wieder zusammen. Die Nägel sind grau, und ich kann die Finger immer noch nicht richtig bewegen. Drei Tage nach diesem Unfall begannen in Neuseeland die Dreharbeiten zu Der Herr der Ringe. Ich arbeitete mit bandagierten Händen, ständig tropfte das Blut durch die Verbände. Die Arbeit als Schauspieler ist schon anstrengend genug, wenn du bei bester Gesundheit bist. Aber wenn du alt bist und einen schlimmen Unfall hinter dir hast, dann ist es eine Tortur. An sechs Tagen in der Woche drehten wir zwölf oder dreizehn Stunden lang. Vor allem die Kampfszenen waren hart. Dann folgten die Dreharbeiten zu Star Wars.

Wieder endlose Drehtage und aufreibende Kampfszenen.

Trotz alledem: Mit der Rolle des Zauberers Saruman in Der Herr der Ringe ist ein großer Lebenstraum für mich wahr geworden. Schon als das Buch 1954 zum ersten Mal veröffentlicht wurde, habe ich es verschlungen. Tolkien hat mehr als einen Roman geschrieben, er hat eine fantastische, faszinierende Welt geschaffen. Figuren mit eigener Kultur und Geschichte, Landschaften und Sprachen. Ich war so beeindruckt von diesem Buch, daß ich, als ich Tolkien Jahre später zufällig in einem Pub vorgestellt wurde, nur ergriffen seine Hand schütteln konnte und kein Wort herausbrachte. Jetzt bin ich Teil eines Films, der Kinogeschichte schreiben wird. Und Teil des Star Wars-Mythos. Mit 79 Jahren bin ich an zwei der größten Hollywood-Produktionen beteiligt, die es je gegeben hat. Traumhaft!

Und sehr wichtig im Filmgeschäft. Denn es zählt nur noch der kommerzielle Erfolg deiner Filme. Du kannst die Rolle deines Lebens spielen - das interessiert in Hollywood niemanden, solange nicht Abermillionen Menschen zusehen. Aber wenn du in einer Großproduktion, die Kasse macht, eine halbwegs wichtige Rolle spielst, flattern dir anschließend die Drehbücher und Filmangebote ins Haus. Du verdienst mehr Geld, und wenn du teuer bist, wirst du häufiger verpflichtet. Das hat mit Logik nicht viel zu tun.

Oft verfolgt mich meine Arbeit bis in meine Träume. Träume, in denen ich mich verzweifelt bemühe, ein Ziel zu erreichen, aber es will mir einfach nicht gelingen. Ich erinnere mich anschließend nicht mehr an Einzelheiten, spüre nur eine tiefe Frustration. Diese Träume wurzeln in all den Rollen, um die ich mich vergeblich bemüht habe, all den Projekten, die nie realisiert wurden.

Ein Albtraum ist typisch für darstellende Künstler: Ich stehe auf einer Bühne, ein Stück wird aufgeführt, meistens eine Oper. Die Musik spielt, das Publikum sieht mich erwartungsvoll an, alle Aufmerksamkeit richtet sich auf mich. Sie warten darauf, daß ich singe, etwas sage, mich bewege. Aber ich habe meinen Text vergessen, mein Lied. Weiß nicht mehr, welche Rolle ich zu spielen habe oder in welchem Stück ich überhaupt bin, und frage mich verzweifelt: Was tu ich hier? Was erwarten die von mir? Wer bin ich? Dieser Albtraum verfolgt mich seit vielen Jahren. Wie viele kreative Menschen. Darin manifestieren sich unsere Unsicherheiten und Ängste, die ein wichtiger Teil des kreativen Prozesses sind.

Meist bleibt die Erinnerung an meine Albträume jedoch schemenhaft. Direkt nach dem Aufwachen sind noch Bruchstücke greifbar, aber schon nach kurzer Zeit verflüchtigt sich die Erinnerung. Was bleibt, ist diffus, ein unterschwelliges Gefühl von Bedrohung und Angst, mal gespeist von aktuellen Erlebnissen, mal von Erinnerungen. Oder dem Fernsehprogramm.

Oft wünsche ich mir, mich deutlicher an meine Träume zu erinnern. Aber wie viele Menschen können das schon? Vielleicht sollte man wirklich direkt nach dem Aufwachen versuchen, alles niederzuschreiben.

Einige legendäre Künstler werden diese Fähigkeit wohl besessen haben, Komponisten wie Beethoven etwa. Ich stelle mir vor, daß er aus einem Traum erwachte, und im gleichen Moment waren Töne in seinem Kopf: Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium! Einfälle, die ihm nachts im Schlaf gekommen waren und die er einfing, bevor sie sich mit der Dämmerung verflüchtigten. Oder jemand wie Schiller. Wer weiß, ob er nicht eines Morgens wach wurde, und plötzlich waren die Worte Fest gemauert in der Erden steht die Form aus Lehm gebrannt in seinem Kopf. So stelle ich mir das jedenfalls vor.

Heutzutage träume ich immer häufiger vom Golfen. Ich spiele sehr gut, Golf ist meine liebste Art der Entspannung. Leider macht es mir meine Handverletzung jetzt beinahe unmöglich. Doch in meinen Träumen gelingen mir immer noch fantastische Schläge. Ich trete gegen die ganz Großen dieses Sports an, alles Männer, die schon lange, lange tot sind.

Auch träume ich sehr oft davon, fliegen zu können. Ich flattere nicht wie ein Vogel mit den Armen, ich schwebe. Ich hebe vom Boden ab und gleite durch den Himmel. Hinauf und hinunter, über Seen und Berge, schwerelos.

Dieser Traum wurzelt in einer tiefen Sehnsucht. Einer Sehnsucht, die mit meiner Liebe zum Film zu tun hat. Ich bedaure es sehr, daß Filme heute viel von ihrem Zauber verloren haben. Die Magie, die mit einer Kamera erschaffen werden kann, ist lange vernachlässigt worden. Vielleicht liegt es daran, daß es in der heutigen Filmwelt kaum noch Platz für Magie gibt. An Filmsets geht es nicht mehr darum, etwas Besonderes zu erschaffen, sondern Geschäfte abzuschließen und Finanzierungen zu verhandeln.

Eine Rolle bleibt noch, die ich für mein Leben gerne spielen würde. Den Don Quichote de la Mancha. Eine wunderbare Figur. Ein leidenschaftlicher Träumer, der in seinem Scheitern in der Welt große Würde beweist. Aber so eine Rolle wäre physisch jetzt wohl zu viel für mich, also wird es wohl ein Traum bleiben. Meine Handverletzung war ein zu schwerer Rückschlag. Die dauernden Schmerzen haben mir sehr zugesetzt.

Manchmal beneide ich Zeichentrickfiguren wie den Roadrunner, Willy, den Coyoten oder Tom und Jerry. Für sie ist alles möglich, es gibt keine Grenzen und geht einfach immer weiter: Willy der Coyote stürzt von einer Klippe, ein Felsen fällt auf seinen Kopf, und in der nächsten Szene steht er einfach wieder auf und jagt hinter dem Roadrunner her. Herrlich! Das ist die pure Magie des Films. Darum geht es doch, in Filmen und in den Träumen gleichermaßen - einen Schritt hinaus aus der Wirklichkeit zu tun und Fantasien zu inszenieren. Mal mehr, mal weniger realistisch."


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